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Man
sagt, heute sei Neujahr.
Punkt 24 Uhr sei die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Jahr.
Aber so einfach ist das nicht. Ob ein Jahr neu wird, liegt nicht am Kalender,
nicht an der Uhr.
Ob ein Jahr neu wird, liegt an uns.
Ob wir es neu machen, ob wir neu anfangen zu denken,
ob wir neu anfangen zu sprechen, ob wir neu anfangen zu leben.
Johann
Wilhelm Wilms (1772-1847),
deutscher Komponist und Musiklehrer

Begrüße das neue Jahr
vertrauensvoll
und ohne Vorurteile,
dann hast du es
schon halb zum
Freunde gewonnen.
(Novalis)
Neujahrsgebet
Gebet des kath.
Stadtdechanten und Pfarrers von St. Lamberti (Münster),
Hermann Kappen, zu Neujahr 1883
Herr,
setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden
Lasse die Leute kein
falsches Geld machen
und auch das Geld keine falschen Leute
Nimm den Ehefrauen das
letzte Wort
und erinnere die Männer an ihr erstes.
Schenke unseren Freunden
mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Bessere solche Beamte,
Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.
Gib den Regierenden gute
Deutsche
und den Deutschen eine gute Regierung.
Herr, sorge dafür, dass
wir alle
in den Himmel kommen
- aber nicht sofort.
Ein
neues Buch, ein neues Jahr ...
Ein neues Buch, ein neues Jahr
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?
Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken.
Und nicht vergeht, wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.
Theodor Fontane (1819-1898)
Am
letzten Tag des Jahres (Silvester)
Das Jahr
geht um,
Der Faden rollt sich sausend ab.
Ein Stündchen noch, das letzte heut,
Und stäubend rieselt in sein Grab,
Was einstens war lebend'ge Zeit.
Ich harre stumm.
's ist tiefe Nacht!
Ob wohl ein Auge offen noch?
In diesen Mauern rüttelt dein
Verrinnen, Zeit! Mir schaudert, doch
Es will die letzte Stunde sein
Einsam durchwacht,
Gesehen all,
Was ich begangen und gedacht.
Was mir aus Haupt und Herzen stieg,
Das steht nun eine ernste Wacht
Am Himmelstor, O halber Sieg!
O schwerer Fall!
Wie reißt der Wind
Am Fensterkreuze! Ja, es will
Auf Sturmesfittichen das Jahr
Zerstäuben, nicht ein Schatten still
Verhauchen unterm Sternenklar.
Du Sündenkind,
War nicht ein hohl
Und heimlich Sausen jeder Tag
In deiner wüsten Brust Verlies,
Wo langsam Stein an Stein zerbrach,
Wenn es den kalten Odem stieß
Vom starren Pol?
Mein Lämpchen will
Verlöschen, und begierig saugt
Der Docht den letzten Tropfen Öl.
Ist so mein Leben auch verraucht?
Eröffnet sich des Grabes Höhl
Mir schwarz und still?
Wohl in dem Kreis,
Den dieses Jahres Lauf umzieht,
Mein Leben bricht. Ich wußt es lang!
Und dennoch hat dies Herz geglüht
In eitler Leidenschaften Drang!
Mir brüht der Schweiß
Der tiefsten Angst
Auf Stirn und Hand. - Wie? dämmert feucht
Ein Stern dort durch die Wolken nicht?
Wär es der Liebe Stern vielleicht,
Dir zürnend mit dem trüben Licht,
Daß du so bangst?
Horch, welch Gesumm?
Und wieder? Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehrnen Mund.
O Herr, ich falle auf das Knie:
Sei gnädig meiner letzten Stund!
Das Jahr ist um!
Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) |
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Zum
neuen Jahr
Zwischen
dem Alten,
Zwischen dem Neuen
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.
Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.
Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!
Dankt es dem regen
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut!
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!
Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.
So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar;
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) |
Zu
Neujahr
Will das Glück nach seinem
Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.
Jede
Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen
Wilhelm Busch (1832-1908)
Neujahrslied
Mit der
Freude zieht der Schmerz
traulich
durch die Zeiten.
Schwere
Stürme, milde Weste,
bange
Sorgen, frohe Feste
wandeln
sich zur Seiten.
War´s
nicht so im alten Jahr?
Wird´s
im neuen enden?
Sonnen
wallen auf und nieder,
Wolken
gehn und kommen wieder,
und kein
Wunsch wird´s wenden.
Und wo
eine Träne fällt,
blüht
auch eine Rose.
Schön
gemischt, noch eh wir´s bitten,
ist für
Thronen und für Hütten
Schmerz
und Lust im Lose.
Gebe
denn, der über uns
wägt mit
rechter Waage,
jedem
Sinn für seine Freuden,
jeden Mut
für seine Leiden
in die
neuen Tage.
Jedem auf
des Lebens Pfad
einen
Freund zur Seite,
ein
zufriedenes Gemüte
und zu
stiller Herzensgüte
Hoffnung
ins Geleite.
Johann Peter Hebel (1760-1826)
Neujahrslied
Gebe denn, der über uns
Wägt mit rechter Waage,
Jedem Sinn für seine Freuden,
Jedem Mut für seine Leiden
In die neuen Tage!
Jedem auf des Lebens Pfad
Einen Freund zur Seite,
Ein zufriedenes Gemüte
Und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!
Franz
Grillparzer (1791-1872)
Was
fange ich Silvester an?
Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel -
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt -
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?
Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt's Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? (<Leichter Mosel>nur - )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?
Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
"Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!"
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister -
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein...
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloss Silvester an?
Kurt Tucholsky
Jahres-Ende
Du greises Jahr: du eilst, dem Ziele zu
Rascher und rascher, sehnst dich nach der Ruh
In einem tiefen grenzenlosen Tod.
Doch sieh: ich eile schneller, nach dem Rot
Des neuen Morgens gierig, dir voraus.
O komm! Hinübergeh! Lösch aus, lösch aus!
Gezeichnetes, Beladenes, befleckt
Mit großer Müdigkeit, mit Schmerz bedeckt -
Vergeh - ich werde! Stirb - und ich vermag
Aufzuerstehn: o neuer, reinster Tag!
Maria-Luise Weissmann (1899-1929)
Spruch
für die Silvesternacht
Man soll das Jahr nicht
mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.
Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!
Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!
Erich Kästner,
Gesammelte Schriften für Erwachsene
Atrium Verlag, Zürich, 1969
Der
dreizehnte Monat
Wie säh er aus, wenn er sich wünschen
ließe?
Schaltmonat wär? Vielleicht Elfember hieße?
Wem zwölf genügen, dem ist nicht zu helfen.
Wie säh er aus, der dreizehnte von zwölfen?
Der Frühling müßte blühn in holden Dolden.
Jasmin und Rosen hätten Sommerfest.
Und Äpfel hingen, mürb und rot und golden,
im Herbstgeäst.
Die Tannen träten unter weiß beschneiten
Kroatenmützen aus dem Birkenhain
und kauften auf dem Markt der Jahreszeiten
Maiglöckchen ein.
Adam und Eva lägen in der Wiese.
Und liebten sich in ihrem Veilchenbett,
als ob sie niemand aus dem Paradiese
vertrieben hätt.
Das Korn wär gelb. Und blau wären die Trauben.
Wir träumten, und die Erde wär der Traum.
Dreizehnter Monat, laß uns an dich glauben!
Die Zeit hat Raum!
Verzeih, daß wir so kühn sind, dich zu schildern.
Der Schleier weht. Dein Antlitz bleibt verhüllt.
Man macht, wir wissen's, aus zwölf alten Bildern
kein neues Bild.
Drum schaff dich selbst! Aus unerhörten Tönen!
Aus Farben, die kein Regenbogen zeigt!
Plündre den Schatz des ungeschehen Schönen!
Du schweigst? Er schweigt.
Es tickt die Zeit. Das Jahr dreht sich im Kreise.
Und werden kann nur, was schon immer war.
Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise.
Und dem Dezember folgt der Januar.
Quelle: Erich Kästner, Die
dreizehn Monate. München 1999
Neujahr
Fürs Neue Jahr nehm´ ich mir vor,
ich schieße endlich mal ein Tor,
auch will ich nicht mehr Biere trinken
und dann mit meiner Fahne winken.
Kein Hasch, kein Koks, kein LSD,
im nächsten Jahr trink ich nur Tee!
So laß ich dann das Rauchen sein,
eß mittags auch kein halbes Schwein.
Ich treib dann Sport, z.B. Schach
bleib´ nach dem Saufen immer wach.
Ups, ich vergaß ich wollt nichts saufen,
stattdessen lieber n´bißchen laufen.
Mal abzunehmen und fit zu werden,
der beste Sportler hier auf Erden,
im Studium werd´ ich alles geben,
wow - was wird das für ein Leben!
Ein bißchen viel wohl für ein Jahr,
so eine Liste, das ist klar.
Ich nehm´ mir doch nicht so viel vor,
ich merk mir nur das mit dem Tor!
Verfasser unbekannt
Zum
neuen Jahr
Wie heimlicher
Weise
ein Engelein
leise
mit rosigen Füßen
die Erde
betritt,
so nahte der
Morgen.
Jauchzt ihm, ihr
Frommen,
ein heilig
Willkommen,
ein heilig
Willkommen!
Herz, jauchze du
mit!
In ihm sei's
begonnen,
der Monde und
der Sonnen
an blauen
Gezelten
des Himmels
bewegt!
Du
Vater, du rate!
Lenke du
und wende!
Herr, dir in die
Hände
sei Anfang und
Ende
sei alles
gelegt!
Eduard Mörike (1804-1875)
Neujahrsglocken
In den Lüften schwellendes
Gedröhne,
Leicht wie Halme beugt der Wind die Töne:
Leis verhallen, die zum ersten riefen,
Neu Geläute hebt sich aus den Tiefen.
Grosse Heere, nicht ein einzler Rufer!
Wohllaut flutet ohne Strand und Ufer.
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)
Zum
neuen Jahr
Ich bringe Dir zum neuen Jahr
die allerbesten Wünsche dar
und hoffe, dass es bis zum Ende
Dir lauter gute Tage wende!
Es schenke Dir der Januar
und ebenso der Februar
und auch der Frühlingsbote März
Gesundheit und ein frohes Herz!
Dann führe Dir April und Mai
die schönste Frühlingszeit herbei.
Im Juni, Juli und August
erfreue Dich an Sommerlust.
September und Oktoberzeit
vergehe Dir in Freudigkeit.
November lasse sich ertragen,
dann mögest Du im Dezember sagen
als Lob und Preis des ganzen Jahres:
“ Gottlob, recht schön und glücklich war es.“
Verfasser unbekannt
Von
guten Mächten
Von
guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar.
So
will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch
will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach,
Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, das du für uns bereitet
hast.
Und
reichst du uns den schweren Kelch,
den bittern des Leids, gefüllt bis an
den höchsten Rand,
so
nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch
willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne
Glanz.
Dann
wollen wir des Vergangenen gedenken
und dann gehört dir unser Leben ganz.
Laß
warm und still die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ,
wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es: Dein Licht scheint
in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)
"Ein
neues Jahr hat neue Pflichten.
Ein neuer Morgen ruft zu frischer Tat.
Stets wünsche ich ein fröhliches Verrichten
und Mut und Kraft zur Arbeit früh und spat."
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Komm,
Neues Jahr, und bring uns Gottes Segen
und Kraft, die
Lieb‘ und Einigkeit zu pflegen.
Pierre Baron de Coubertin (1863-1937)
Neujahrswunsch
Glück und Segen
auf auf allen Wegen!
Frieden im Haus
jahrein, jahraus!
In gesunden und in kranken Tagen
Kraft genug, Freud und Leid zu tragen.
Stets im Kasten ein Stücklein Brot,
das geb’ uns Gott
Volksgut
Der
Januar
Erich Kästner
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.
Die
Amseln frieren. Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.
Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.
Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
daß sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Krieg?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.
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